Mehr Wettbewerb für bessere Lösungen

sia in flims gelber haus
In Flims wurde unter prominenter Vertretung zum Wettbewerbswesen debatiert
Unbestritten ist, dass über den Wettbewerb die besseren Lösungen entstehen. Ein wesentlicher Punkt beim Wettbewerbswesen ist, dass es unter den im Programm formulierten Anforderungen um die Findung der beste Lösung geht. Der Vorteile ist klar, die Planer befassen sich mit dem Projekt und nicht der Bauherr sich mit den Planeren.

Der Veranstalter erhält unter vergleichbar geringen Aufwendungen ein Auswahl an Lösungsvorschläge welche ihm das Potential der unterschiedlichen Lösungen zum geplanten Projekt erschliesst. Erarbeitet werden diese Lösungen durch die Teilnehmer, Architekten und Ingenieure, mit dem Ziel nachfolgend den Auftrag für die weitere Umsetzung den Auftrag zu erhalten.

Die Ergebnisse wie die Abwicklung dieser Verfahren geben immer wieder die  Möglichkeit darüber zu debatieren. Dies hat der SIA am 15. September unter der Teilnahme prominenter Persönlichkeiten aus Politik, Praxis und Lehre getan.


Debatte zum Wettbewerbswesen

Im Rahmen der Sitzung der Zentralen Ordnungskommission (ZOK) hat am 15. September 2009 ein Kolloquium des SIA in Flims stattgefunden. Unter der Moderation von SIA-Generalsekretär Hans-Georg Bächtold diskutierten prominente Persönlichkeiten aus Politik, Praxis und Lehre über grundlegende Fragen des Wettbewerbswesens.

Am 1. Oktober 2009 veröffentlichte der SIA seine revidierte Ordnung SIA 142 für Architektur- und Ingenieurwettbewerbe und die neue eigenständige Ordnung SIA 143 für Architektur- und Studienaufträge (Artikel zum Thema folgt in TEC21 42/43). Welchen Stellenwert die Ordnungen bei der Bauherrschaft haben, ist eine Frage, mit der sich Planer immer wieder auseinandersetzen und die auch im Zentrum des Kolloquiums stand. In ihrem einleitenden Referat erklärte Marie-Theres Caratsch, Leiterin des Hochbauamtes des Kantons Basel-Landschaft und Präsidentin der Konferenz der Schweizer Kantonsbaumeister und Kantonsarchitekten (KBCH), dass sie diese Instrumente als Richtschnur betrachte. Mit Blick auf ein optimales Projektresultat müsse je nach Fall davon abgewichen werden können. Voraussetzung sei aber, dass solche Abweichungen im Interesse des Projektes geschehen und – wie dies in den Kantonen Basel-Landschaft und Basel-Stadt der Fall ist – in den Wettbewerbsprogrammen klar deklariert werden.

Anhand des Beispiels Spital Bruderholz plädierte die Kantonsarchitektin für eine Kombination von anonymen und offenen Verfahren. Ihren Standpunkt begründete sie mit dem grossen Zeitdruck, der eine Durchführung eines rein anonymen Wettbewerbsverfahrens erschwert, und den oftmals sehr hohen Anforderungen, die vor allem von der Politik an das Projekt gestellt werden. Ausserdem räumte sie ein, dass die Anonymität den Planungsprozess behindern kann, da die so­ziale Kompetenz und die Kommunikationsfähigkeit der Planer eine wichtige Rolle im Bauprozess spielen. Als wichtigen weiteren Punkt brachte Caratsch die Frage fairer Honorare und der Kostensicherheit in die Diskussion ein, für deren Gewährleistung sich die KBCH einsetzt. So wird beim Spital Bruderholz das Kostengarantiemodell des SIA angewandt. Als absolute Verfechterin des Urheberrechts der Architekten ortet Marie-Theres Caratsch vor allem im Rahmen von Leistungen, die von einem Team erbracht werden, Handlungsbedarf. So vermisst die KBCH klare Kriterien in Bezug auf das Urheberrecht der involvierten Fachplaner und Spezialisten. Eine zufriedenstellende Lösung hat sie noch nicht gefunden. Mit Blick in die Zukunft betrachtet die Leiterin des Hochbauamtes das Wettbewerbswesen als festen Bestandteil der Projektentwicklung und plädiert für die vermehrte Anwendung von Testplanungen, für ein kooperatives Beschaffungsverfahren und für die Förderung von differenzierten Verfahren. Ihrer Ansicht nach wird das Thema der Kostensicherheit im Planungsprozess weiterhin bestimmend bleiben. Eine weitergehende Etablierung des Modells GU/TU erachtet sie als unwahrscheinlich, da die damit erzielten Ergebnisse bisher unbefriedigend sind. Vom SIA wünscht sich die Präsidentin der KBCH eine “Forderung und Förderung” seiner Mitglieder. Kooperation, Kostenbewusstsein und Partnerschaft sind laut Caratsch die Stärken, die gute Planer auszeichnen und für welche der SIA weiterhin bürgen muss.

Meinungen und Diskussionspunkte
Für Peter Ess, langjähriger Direktor des Amts für Hochbauten der Stadt Zürich, sind die Wettbewerbskultur und der kulturelle Beitrag der Planer in der Schweiz von unschätzbarem Wert und unverzichtbar. Er erachtet die Ordnungen SIA 142/143 nicht als Instrumente, um die von der Bauherrschaft benötigten Leistungen standardisiert einzufordern, sondern als Hilfsmittel zur Erfüllung der Bauherrenbedürfnisse. Dass über dem Vergabe­verfahren das Damoklesschwert des Rekursverfahrens hängt, betrachtet er als eine Erscheinung unserer Zeit, in welcher die rechtlichen Bestimmungen immer einschneidender werden. Eduard Tüscher, Delegierter der Koordina­tionskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren (KBOB), hält fest, dass das gegenseitige Verständnis zwischen SIA und den öffentlichen Bauherrschaften noch mehr gefördert werden könnte. Zwar habe sich die Situation seit einigen Jahren verbessert, doch ist er überzeugt, dass der SIA mehr bewirken kann. Wenn das Vertrauen vorhanden sei, so Tüscher, würden sich Partnerschaftserklärungen erübrigen. Anders als Marie-Theres Caratsch hält er einen Durchbruch des Modells GU/TU für wahrscheinlich. Dies speziell in Anbetracht der fehlenden Hochschulabgänger in den schweizerischen Bildungsstätten. Sacha Menz, Professor an der ETH, hält fest, dass das Bauen heute eine Frage von Geld und Organisation geworden ist. Ob der Architekt Künstler oder Manager zu sein habe, werde vom Markt entschieden. Doch räumt er ein, dass es die Aufgabe der Schulen sei, Kosten und Honorare im Rahmen eines breiten Grundstudiums zu thematisieren, und nicht – wenn überhaupt – erst bei Spezialisierungskursen. Dass Respekt vor Baukultur, intellektuellen Dienstleistungen und eine Distanzierung von Standardisierung Voraussetzungen für erfolgreiches Bauen sind, erachtet Menz als selbstverständlich. Lorenz Bräker, Präsident der Berufsgruppe Architektur, sieht den SIA nicht als protektionistische Organisation, sondern als Förderer eines Gleichgewichts zwischen planerischem Ergebnis und Beschaffungsverfahren. Markus Schäfle, Architekt, ist davon überzeugt, dass ganz spezielle Projekte zwar immer wieder massgeschneiderte Lösungen verlangen, aber dass die Instrumente des SIA dennoch den Grossteil der Bedürfnisse abdecken.

Was die Testplanung anbelangt, warnt Peter Ess vor einer Durchführung ohne anschliessender Auseinandersetzung mit den Betroffenen und Beteiligten. Die Phase der öffentlichen Debatte ist auch für Sacha Menz unabdingbar, wobei die Flexibilität der Testplanungsphase zu gewährleisten sei. Valerio Olgiati, Professor an der Accademia di Architettura in Mendrisio, erachtet den Spagat zwischen den zuweilen harten Bedingungen eines professionellen Bauherrn und dem Streben nach hervorragender Architektur als besondere Herausforderung, die aber durchaus zu meistern ist. Die Drohung, dass die Öffentlichkeit keine guten Bauwerke mehr erhält, ist für ihn mit dem Modell GU/TU real geworden. Seiner Ansicht nach kann die öffentliche Hand einen Durchbruch des GU/TU-Modells nicht verantworten. Laut dem Ingenieur Alfred Hagmann sind auch die GU/TU an Grenzen gestossen und können keine unfairen Verträge mehr akzeptieren. Patrick Gartmann, Ingenieur und Architekt, ist überzeugt, dass Bauprozesse vereinfacht werden können und müssen. Die Forderungen des Bauherrn, zum Teil durch die gesetzlichen Vorgaben bedingt, werden immer komplexer und sind seiner Ansicht nach kaum mehr zu finanzieren. Marie-Theres Caratsch erachtet es als durchaus möglich, die heutigen Standards hinunterzuschrauben, damit in Zukunft vernünftig gebaut werden kann, unter der Voraussetzung, dass dazu auch die Planer bereit sind. Valerio Olgiati entgegnet darauf, dass die öffentlichen Bauherrschaften zu mehr Professionalität aufgefordert sind. Sacha Menz und Markus Schäfle finden es höchst problematisch, dass der Bauherr im TU-Modell vom Verhandlungsprozess komplett ausgeschaltet ist. Die Architekten Daniel Gerber und Erich Offermann plädieren für eine stärkere Gewichtung der Kostenfrage und der Rolle des Architekten als Generalist. Wie sie fürchtet auch Caratsch um das Berufsbild des Architekten als Hüter der Baukultur und Generalist, das infolge des heutigen hohen Grads an Spezialisierung zu erodieren droht.

Weiterführende Erkenntnisse
Die Erkenntnisse aus dem Kolloquium resümiert Hans-Georg Bächtold in vier Thesen:
1. Die Stärkung und Anerkennung des Berufsstandes ist für den SIA eine sehr wichtige Aufgabe.
2. Der Dialog zwischen den verschiedenen Akteuren im Bauwesen ist vom SIA unter dem Gesichtspunkt der schweizerischen Baukultur weiter und eingehender zu fördern.
3. Der SIA muss seine Werte Qualität und Kompetenz stärker nach aussen tragen.
4. Die in Flims begonnene Debatte um die Frage eines praxisgerechten Vergabewesens ist weiterzuführen. Vom SIA wird ein massgebender Beitrag erwartet.

Walter Maffioletti, Rechtsanwalt SIA

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