2000 Watt als Massstab: Nachhaltigkeit in Erstellung und Betrieb

Kurz vor der Fertigstellung: Wohn- und Geschäftshaus Badenerstrasse 380, Zürich. Geplant nach den Prinzipien der 2000-Watt-Gesellschaft. Foto: Thomas Müller, Zürich
2000 Watt als Massstab: In diesen Juni-Tagen werden an der Badenerstrasse 380 in Zürich die Wohnungen bezogen. Von aussen zeigt der Neubau nicht, was in ihm steckt. Er wurde nach den Richtlinien der 2000-Watt-Gesellschaft geplant und gebaut.
Bauherrin ist die von Unternehmern gegründete Baugenossenschaft Zurlinden (www.bgzurlinden.ch). Den Wettbewerb hatten die Zürcher Pool Architekten (www.poolarch.ch) gewonnen. Sie projektierten den Neubau zuerst in einer herkömmlichen Bauweise, doch dann zeigte sich in Zusammenarbeit mit dem Baumanagement von Caretta & Weidmann, dass eine Holzkonstruktion den in der 2000-Watt-Gesellschaft massgebenden Gesamtenergieverbrauch deutlich senken kann. Mathias Heinz von Pool Architekten erklärt in einem Gespräch mit der Zeitschrift «Hochparterre» (Ausgabe 3/2010), dass dank dieser Gesamtbetrachtung ein Haus gebaut werden konnte, das nicht einfach als geschlossener Klotz in Erscheinung tritt. Mit den verschiedenen Minergie-Standards wäre dies anders. Sie basieren auf Grenzwerten für Einzeldisziplinen.
Für den Architekten ist es sinnvoller, ein Energiebudget zu verwalten, statt dem «Label-Denken» nachzueifern. Denn die Gesamtbetrachtung erlaube es den Planern, an einer Stelle mehr zu investieren und dies an einer anderen Stelle zu kompensieren. Wichtig ist ihm der Grundsatz: «Lieber ein energetisch sinnvolles Gebäude mehr, statt Bauherren mit unflexiblen Grenzwerten abzuschrecken, weil der Aufwand für die letzten fünf Prozent eine überproportionale Investition erfordert.»
Gebaut wurde an der Badenerstrasse mit vorgefertigten «Top-Wall»-Holzbauelementen – was man aber in den fertigen Wohnungen nicht sieht, denn alle Wände sind verputzt. Die Architekten haben dabei die Erkenntnis gewonnen, dass Holz gegenüber Backstein und Beton für ein Rohbau mit Spannweiten unter sechs Metern ein gleichwertiger Baustoff ist. Die Planung dafür müsse zwar früher fertig sein wie bei herkömmlichen Konstruktionen, doch der Aufwand sei nicht höher. Es brauche allerdings mehr Kommunikation unter den einzelnen Sparten. Nachhaltig sind an diesem Projekt auch die Glasfaserbeton-Profile der Fassade: Sie wurden in der Nähe produziert und an der Luft ausgetrocknet. Selbst eine spätere Entsorgung des mineralischen Materials ist unproblematisch. – Viele der hier eingesetzten Materialien wurden zusammen mit Hansruedi Preisig ausgewählt. Er ist Mitautor des «Effizienzpfads Energie». Angesichts der sich ständig erneuernden Erkenntnisse im Bereich des nachhaltigen Bauens sei es sehr hilfreich gewesen, dass eine Fachperson bei allen Sitzungen dabei gewesen sei, so der Architekt.
Die Richtlinien der 200-Watt-Gesellschaft umfassen nicht nur die Konstruktion, sondern auch die Erreichbarkeit eines Neubaus, sowie das Verhalten der Nutzer und Bewohnerinnen. Fahren diese täglich mit dem Auto zur Arbeit, erreichen sie die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft nie, auch wenn sie im bestisolierten Gebäude wohnen oder arbeiten. Doch bei den Heizkosten profitieren die Nutzer des Neubaus: Der Energieverbrauch ist hier so gering, dass Mieten und Nebenkosten zusammen unter dem Strich günstiger sein werden als bei Vergleichsobjekten. Und weil jede Wohnung ihren eigenen Wasserzähler hat, wird auch individuelles Sparen belohnt.
Text: René Hornung
Der Autor ist freier Journalist im Pressebüro St.Gallen und Produzent der Schweizer Architektur- und Design-Zeitschrift «Hochparterre».
