Die Schweiz ist besser als ihr Ruf

Staudamm Verzascatal (Tessin)
Im Mittelpunkt der Diskussion am Kongress der Bauwirtschaft vom 14. Mai in Zürich standen internationale Spitzenleistungen, die Schweizer in Architektur, Engineering, Forschung, Ökologie und Wissenschaft erbringen. Eingeladen hat die mehreren hundert Teilnehmenden CRB, die Organisation, die schweizweit die erforderlichen Standards schafft für Bauherren, Planer und Bauschaffende. Diese Standards, insbesondere der Normpositionen-Katalog NPK und der Baukostenplan BKP gewährleisten allen Beteiligten eine eindeutige Leistungsbeschreibung sowie ein transparentes Kostenmanagement in allen Phasen eines Bauwerks.

Sunnibergbrücke Umfahrung Klosters
Eine nachhaltige Gesellschaft ohne nachhaltiges Bauen ist undenkbar – in dieser Hinsicht waren sich die namhaften Referenten und die Referentin einig. Um den Herausforderungen wie Klimawandel, zukünftige Energieversorgung sowie Unterhalt von Bauwerken gewachsen zu sein, sind Spitzenleistungen in allen Baubereichen erforderlich. So betonte Peter Richner von der Empa, wie notwendig grundlegende Innovationen bei Materialien, Bauprozessen und Systemen sind. Er wies nach, dass die Bauindustrie in der Schweiz diese Aufgaben bereits seit langem erkannt hat und auf eine hochklassige Forschungslandschaft zurückgreifen kann. Mit verschiedenen Beispielen belegte er die Innovationsfähigkeit des Bausektors. So hat die durch Schweizer Firmen massgeblich weiterentwickelte Vorspanntechnik völlig neue Lösungen für Brücken und im Hochbau ermöglicht. Die Suche nach Alternativen zum Portlandzement steht mit dem Netzwerk Nanocem unter schweizerischer Leitung. Die Forschungsergebnisse tragen zu einer erheblichen Verminderung des CO2-Ausstosses in der Zementproduktion bei.
Auch mit Minergie®-, Minergie-P®- und Minergie-ECO® hat die Schweiz Standards geschaffen, die heute im In- und neu auch im Ausland für energieeffiziente Gebäude mit höchstem Komfort stehen. Der Referent Martin Hofmann zeigte auf, dass in der Schweiz laufend grosse Minergie-Projekte entstehen; allein die Allreal AG realisierte seit dem Jahr 2000 Projekte in der Höhe von über 900 Mio. Schweizer Franken. Die breite Nutzung erneuerbarer Energien und die Senkung der Umweltbelastungen wie auch marktgerechte Mieten und investorengerechte Renditen sind die erklärten Ziele. Der Eulachhof als schweizweit erste Null- Energie-Wohnüberbauung mit 132 Mietwohnungen hat kürzlich den Watt d’Or vom Bundesamt für Energie erhalten und ist auch im internationalen Vergleich beachtenswert.
Ganz generell geniesst die Schweizer Architektur auf internationaler Ebene grossen Respekt. Lisa Ehrensperger vom Zürcher Architektenteam Frei & Ehrensperger erinnerte an die Verleihung des Pritzker- Preises an Peter Zumthor oder zuvor an Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Dies ist nicht

Stadion Letzigrund, Zürich
zuletzt dem hohen Niveau der hiesigen Baukultur zuzuschreiben. Aus ihrer eigenen Tätigkeit erwähnte sie unter anderem die erfolgreiche Realisierung des Zürcher Stadions Letzigrund in engstem Zeitrahmen; auch dies eine Spitzenleistung im internationalen Vergleich.
Wie viel Verständnis für die Anliegen der betroffenen Bevölkerung bei der Realisierung eines Grossprojektes erforderlich ist, zeigte Regierungsrat Walter Straumann vom Kanton Solothurn auf. Er gewährte Einblick in die Vorgeschichte der 320 Mio. Franken teuren Umfahrungsstrasse von Olten. Der Bund war bereit, dieses dringlich eingestufte Agglomerationsprojekt zu 50 % mitzufinanzieren, allerdings unter der Bedingung, dass mit dem Bau spätestens Ende 2008 begonnen wird. Gegen das Projekt lagen im Sommer 2007 noch 150 Einsprachen vor, die bis Ende 2007 behandelt waren. Sechs Einsprache- Entscheide wurden an das kantonale Verwaltungsgericht weitergezogen, das die Beschwerden im April 2008 abwies. Die Bauarbeiten konnten im Juli 2008 aufgenommen werden. Eine Spitzenleistung von Verwaltung und Justiz unter Wahrung aller rechtsstaatlichen Vorgaben!
Von der grossen Herausforderung, in einer Grossstadt Orte zu schaffen, ohne die historische Vergangenheit zu vernachlässigen, erzählte der international tätige Architekt Max Dudler. Er zeigte anhand zahlreicher Bauten auf, dass neben dem Studium der Geschichte in seiner architektonischen Arbeit auch eine aktive, lebendige, zeitgemässe Formsprache sichtbar wird. Die durch ihn mitgestalteten europäischen Metropolen, zum Beispiel in Berlin oder Frankfurt, verkörpern Facetten wie Anonymität, Geschwindigkeit, Widersprüche, Ruheinseln sowie Privatheit. Seine Räume und Gebäude sind schön und nützlich und halten gleichzeitig ideell und materiell den Ansprüchen im Verlauf der Zeit stand. Zu einem weiteren Höhepunkt am Kongress der Bauwirtschaft gehörte das Referat des weltweit tätigen Ingenieurs und Swiss-Award-Preisträgers Giovanni Lombardi. Er gewährte Einblick in die Anforderungen und Grenzen bei der aktuellen Projektierung des Gibraltartunnels, der Spanien mit Marokko verbinden wird. Nicht nur Innovationsgeist, sondern auch ein grosses Mass an Verantwortung lastet hier auf den Schultern von Schweizer Ingenieuren. Staudämme, Tunnel und Brücken sind seine Leidenschaft; er hat die Schweizer Ingenieurarbeit international bekannt gemacht mit einer Reihe von Superlativen in seiner Werkliste. Zu seinen wohl spektakulärsten internationalen Baustellen gehört die neue Alpentransversale durch den Gotthard. Weitere Spitzenleistungen sind die damals schlankste Talsperre im Verzascatal, der weltweit längste Strassentunnel von Göschenen bis Airolo oder auch eindrückliche Staudämme in Österreich, Mexiko und Italien. Zu seinen Verdiensten gehört auch das rund um die Welt anerkannte Injektionssystem „GIN“ (Grouting Intensity Number), das selbst in der Sanierung des Dammes El Chocòn in Argentinien Anwendung fand.
Vom Verlag zum Online-Portal hat sich CRB entwickelt mit der zentralen Datenbank für die Schweizer Bauwirtschaft, wie ETH-Professor Ludger Hovestadt aufzeigte. Das Vorbild im Forschungsauftrag von CRB war das schnelle Wikipedia. Mit dem neuen Wissensportal werden künftig Bauschaffende schnell und flexibel online arbeiten und direkt mitbestimmen, wie sich die Elemente und Leistungsbeschreibung für die Schweizer Bauindustrie entwickeln. In internationalen Vergleich weisen die CRB-Standards zur Rationalisierung ein sehr hohes Niveau auf. Da Schweizer Bauschaffende heute gut 70% der jährlichen Bauausgaben (ca. 50 Mrd. Franken) mit CRB-Arbeitsmitteln beschreiben, werden gemäss einer Studie jährlich zwischen 110 und 450 Mio. Franken eingespart. Die Startveranstaltung von CRB Online ist gleichzeitig Beginn einer neuen Ära im Schweizer Bauwesen.
Für Iwan Rickenbacher sind Spitzenleistungen nicht nur Rekorde, Grenzüberschreitungen und besonders begabte Menschen. Er erlebt sie auch in Form von jahrelanger Firmentreue, Zuverlässigkeit und Auftragstreue von Arbeitnehmern. Aus seiner Sicht beruhen die Leistungen unserer Wirtschaft und Gesellschaft auf beiden Pfeilern: Da ist einerseits Einfallsreichtum und Genialität, andererseits jedoch die beständige Pflichterfüllung vieler Tausenden.
Mit diesem engagierten Statement wurde deutlich, dass nicht nur Referenten, Forschende und Führungsleute in Spitzenfunktionen, sondern auch die vielen Kongressteilnehmer aus dem Bausektor und wir alle grosse Verantwortung für die Zukunft der Schweiz mittragen.
